27 Januar 2026

Eine Kämpferin und ihre Mutter

Geschichten im Kosmos des Dunklen Ritters mag ich, und ich mag sie vor allem, wenn sie auf Hokuspokus und Wesen aus höheren Dimensionen verzichten. Mit »Batgirl« liegt seit einigen Wochen der Neustart für eine Figur vor, die seit langem zum »Batman«-Kosmos gehört und hier gut in Szene gesetzt wird. Der Titel des deutschsprachigen Paperbacks lautet »Mutter«, und damit ist die Handlung schon gut umschrieben.

Cassandra Cain alias Batgirl erhält Besuch von ihrer Mutter, der mysteriösen Attentäterin Lady Shiva. Diese will sie vor Angreifern warnen und mit ihr fliehen. Doch es ist zu spät: Eine Bande von Killern taucht auf, die es auf Lady Shiva und Batgirl abgesehen haben. Und so beginnt eine Reihe von Kämpfen, die sich durch das gesamte Paperback ziehen.

Als Autor setzt Tate Brombal auf viel Action: Mutter und Tochter prügeln sich auf zahlreichen Seiten mit allerlei Feinden herum; zwischendurch bekämpfen sie sich selbst, helfen sich dann aber auch wieder gegenseitig. Bei den Dialogen gibt der Autor durchaus Einblicke ins Innere seiner Figuren, wobei er das schwierige Verhältnis der Tochter – die ja zu den »Guten« gehört – zu ihrer extrem gefährlichen Mutter durchleuchtet. Aber klar: Die Prügeleien überwiegen.

Die wiederum werden von Takeshi Miyazawa sehr gut in Szene gesetzt. Es kracht und scheppert ständig. Die beiden Frauen kämpfen in einem fahrenden Zug, im Untergrund der Stadt, auf den Straßen oder auf den Dächern. Mir war's irgendwann zu viel, vor allem deshalb, weil es sich letztlich doch wiederholt. Aber sein Handwerk versteht der Künstler auf jeden Fall.

Das Paperback fasst die ersten sechs amerikanischen Hefte der »Batgirl«-Neuauflage auf 144 Seiten zusammen. Cassandra Cain als Figur mochte ich schon immer, hier wird sie toll in Szene gesetzt. Es ist ein Comic-Band, der auf Action setzt – wer das mag, für den ist dieses Paperback sicher interessant.

26 Januar 2026

Gasthaus unter neuer Leitung

Seit ich in der Weststadt von Karlsruhe wohne, zählt der Gutenbergplatz zu den Ecken des Viertels, die ich gerne besuche: Die alten Häuser um den Platz machen einen schönen Eindruck, der Markt ist immer einen Besuch wert, und die eine oder andere gastronomische Einrichtung laden zu einem Besuch ein.

An einer Seite des Platzes befindet sich mit dem »Gutenberg« ein Gasthaus, in das ich seit vielen Jahren immer wieder einkehre. Im Sommer kann man im Biergarten oder an Tischen »auf der Straße« sitzen; ansonsten laden die Innenräume ein. Und weil die bisherigen Inhaber nach langem Engagement aufgehört hatten, war ich sehr gespannt darauf, wie sich das Gasthaus verändern würde.

Wie sich bei einem Besuch dieser Tage herausstellte: So viel haben die neuen Inhaber nicht geändert. Es gibt neuerdings ein Sofa im Gastraum, und einige dekorative Bilder wurden gegen neuen Wandschmuck ausgetauscht; auch die Karte wurde angepasst.

Klassiker wie die Fleischgerichte und die von mir sehr geschätzten Käsespätzle sind geblieben. Einige neue Gerichte mit eher mediterranem Einschlag ergänzen die Karte.

Interessant finde ich, dass man auf das Prinzip Tapas setzt: Ich kann mehrere kleine Gerichte bestellen, die man auf dem Tisch platziert und untereinander fleißig austauscht. Ich kann aber auch, wenn ich will, einfach eine Vorspeise und ein Hauptgericht zu mir nehmen.

An der Qualität hat sich nichts geändert; das Essen und die Getränke schmecken immer noch sehr gut. Der Service macht seine Aufgabe ordentlich, die Stimmung im Gasthaus ist gemütlich, und nicht einmal der laute Stammtisch hinter mir konnte mir die Laune verderben.

Ich würde sagen: Für mich ist der Neustart des »Gutenberg« gelungen. Mal schauen, wie es im Sommer wird, wenn die Biergartensaison anfängt ...

23 Januar 2026

Ein Sonderheft zur amerikanischen Lage

Die Zeitschrift »Aus Politik und Zeitgeschichte«, kurz »APuZ«, wird von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und liegt normalerweise der Wochenzeitung »Das Parlament« bei. Einzelne Ausgaben kann man sich aber bei der Bundeszentrale bestellen, was ich gelegentlich mache. Zuletzt las ich die Ausgabe 20/2025, die im Mai 2025 erschienen war, und stellte daran schon fest, wie rasend schnell sich die politische Landschaft derzeit entwickelt.

Das Heft beschäftigt sich mit »MAGA«, mit »Make America Great Again«, also der aktuellen Politik in den USA, nachdem Donald Trump zum zweiten Mal als Präsident gewählt worden ist. In welchem Tempo seine Gefolgsleute und er die Vereinigten Staaten umkrempeln, stellen die sieben Aufsätze in diesem Heft dar – und doch ist es in mancherlei Hinsicht bereits veraltet.

Die einzelnen Artikel zeigen auf, welche Vorgeschichte es für die Trump-Truppe gibt. Beleuchtet werden die »Männlichkeit in der amerikanischen Politik« oder eben die Geschichte amerikanischer Nationalismen. Spannend ist natürlich der Blick auf die aktuelle »MAGA«-Bewegung und ihre Auswirkungen nicht nur auf die USA, sondern auch auf den Rest der Welt.

Zwar teilte ich nicht die Schlussfolgerung des Artikels, aber die These, man könnte »Trump als Chance« verstehen, fand ich zumindest bedenkenswert. Es ist halt auch immer eine Frage der Betrachtungsweise – und seit dem Mai 2025 sind eben doch schon einige Monate vergangen.

Trotzdem ist die Lektüre dieser »APuZ«-Ausgabe wieder einmal lohnenswert. Zu bestellen ist das Heft über die Internet-Seite der Bundeszentrale; dort gibt es zahlreiche weitere interessante Publikationen.

22 Januar 2026

The Dirt auf einer Doppel-LP

Das Schlagzeug poltert, der Sänger brüllt, die Sängerin keift: Für Freunde der reinen Melodie waren The Dirt nicht unbedingt geeignet. Vor allem in ihrer Anfangsphase ließ es die englische Band ziemlich krachen, verzichtete großzügig auf zu viele Melodien und polterte lieber im Hauruck-Tempo durch ihre Stücke.

Ich sah die Band einmal, als sie in den 90er-Jahren noch einmal auf Tour ging und in der »Steffi« in Karlsruhe aufspielte. Das Publikum war sehr rustikal-punkig, eine Ansammlung schwarzer Lederjacken, und die Band lieferte den wütenden Sound dazu. Ich fand’s stark, vor allem, wenn man sich ein wenig darauf einließ und sich unter dem Geboller die Melodien hervorschälten.

1996 erschien bei Skuld Releases die Doppel-LP »Black and White« von The Dirt. Kleister fasste mehrere EPs und Langspielplatten der Band zusammen, sogar Live-Aufnahmen, was eine fast komplette Band-Historie ergab. Da konnte man auch gut nachvollziehen, wie sich die Band verändert hatte – ich hörte mir die Platte dieser Tage wieder an und war davon ziemlich angetan.

Am Anfang ist das vor allem Geschrabbel mit wütenden Texten, dann aber wird die Band besser. Die D-Seite ist tatsächlich die beste: Es ist immer noch Anarcho-Punk mit den entsprechenden Aussagen, aber es gibt Melodien, und man merkt, dass die Gitarristen wissen, was sie tun. Während ich die A-Seite bei dieser Zusammenstellung vor allem unter historischen Gesichtspunkten interessant finde – so was fanden wir damals halt geil, weil es so schepperte –, sind die späteren Aufnahmen auch heute noch gut.

The Dirt waren zu ihrer Zeit eine der zentralen Bands der englischen Anarchopunk-Szene; die Doppel-Langspielplatte »Black and White« ist hierfür ein wichtiges Dokument. Man kann sie immer noch anhören, auch die A-Seite mit ihrem Geschepper – so klangen halt die 80er-Jahre.

21 Januar 2026

Wahlkampf in der Stadt

Seit zwei Tagen starrt mich ein großes Wahlplakat der SPD an, wenn ich aus dem Fenster blicke. Das finde ich nicht nett, auf dumme Sprüche kann ich am frühen Morgen gut verzichten.

In Baden-Württemberg wird ein neuer Landtag gewählt. Und weil der bisherige Oberschlumpf nicht mehr möchte, rüsten sich die jüngeren Schlümpfe zum großen Kampf.

Ich weiß ja schon, wen ich wählen werde, definitiv nicht aus Überzeugung, sondern mehr aufgrund der Suche nach dem kleineren Übel … Mal schauen, wie sich der Rechtsruck bei biederem Badenern, Schwaben oder Franken auswirkt.

20 Januar 2026

Abschluss eines Western-Vierteilers

Berühmt wurde Yves Swolfs in den 80er-Jahren, als er die Western-Serie »Durango« schrieb und zeichnete. Die Comics waren spannend erzählt, strotzten vor Gewalt und starken Bildern – sie sorgten für eine Belebung des Western-Genres und erweiterte die Zeit des klassischen Western in den Anfang des 19. Jahrhunderts.

Mit dem Vierteiler »Lonesome« zeigt Yves Swolfs, dass er sein Handwerk nicht verlernt hat. Der Vierteiler ist seit einigen Monaten vollständig, alle vier Bände liegen als schöne Hardcover-Ausgaben im Splitter-Verlag vor. Und wer Western mag, dem lege ich sie ans Herz.

Sie spielen in einer Zeit, die – streng genommen – kurz vor der eigentlichen Wildwest-Ära liegt: noch vor dem amerikanischen Bürgerkrieg. Und Teile der Handlung spielen in den Neuengland-Staaten, was nun mal auch nicht zum Wilden Westen gehört. Das ändert alles nichts an der Qualität der Story.

Die Handlung erzählt von einem einsamen Revolverhelden und einer Pinkerton-Agentin, die – ohne es zu wollen – zusammenarbeiten müssen und gemeinsam auf die Spur eines mächtigen Mannes kommen. Im vierten und abschließenden Teil kommt eine Spur Satanismus ins Spiel, nachdem es zuvor in erster Linie um wirtschaftliche Einflüsse und Geld gegangen ist.

Auf Details möchte ich an dieser Stelle verzichten. Wie bei dem Comic-Künstler zu erwarten ist, entwickelt die Geschichte vom ersten Band an eine starke Dynamik. Die Handlung steckt voller Action, die obligatorischen Schießereien und Verfolgungsjagden gehören dazu. Das ist stets spannend erzählt.

Swolfs ist als Illustrator nach wie vor großartig. Ob Szenen in den Wäldern oder in der Wüsten, ob Blicke auf die Natur oder eine Stadt, Action oder Dialoge – er kann einfach alles gleichermaßen glaubhaft und gut darstellen. »Lonesome« ist ein filmisch erzählter Western-Comic, der alle begeistern dürfte, die den Wilden Wesen in bebilderten Geschichten mögen.

19 Januar 2026

Den Meister und die Margarita gesehen

Für meine Begriffe ist Bulgakows »Der Meister und Margarita« einer der besten Romane der phantastischen Literatur. Deshalb war ich gespannt auf die Verfilmung; im Kino hatte ich sie 2025 völlig verpasst, und ich sah sie mir dieser Tage endlich in einem Streaming-Kanal an. Es handelt sich um eine russische Verfilmung, auch wenn ein deutscher Schauspieler eine der zentralen Rollen übernommen hat.

Ich verzichte an dieser Stelle absichtlich auf eine Inhaltsangabe; das ist wohl beim Roman als auch beim Film echt knifflig. Die Geschichte spielt in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts; in Moskau herrscht der Stalinismus.

Eine mysteriöse Person ist in der Stadt unterwegs, bei der man irgendwann sicher ist, dass sie schlichtweg der Teufel ist. Und eine der zentralen Fragen, die sich durch die Geschichte ziehen, ist dann: Wenn in einem atheistischen Land der Teufel durch die Straßen spaziert, heißt das doch, dass es auch Gott geben muss?

Man muss klar sagen: Wer den Roman nicht kennt, wird den Film kaum verstehen. Aber auch wenn man ihn gelesen hat, bleibt vieles unklar. Manchmal nimmt er alle Anzeichen einer Groteske an, dann wieder wirkt er wie ein Fantasy-Film. Häufig aber wirkt er wie eine bissige Satire auf die Sowjetunion und ihre Geschichte – ich bin sowieso sicher, dass ich viele Anspielungen auf aktuelle und vergangene Politik nicht verstehen konnte.

Die Verfilmung ist nicht schlecht, empfehlen kann ich sie aber auch nicht. Wer ein Fan des schon klassischen Romans ist, sollte sich den Film anschauen; wer den Roman nicht kennt, sollte ihn eh auf seine »dringend zu lesen«-Liste setzen. Ansonsten ist die Verfilmung zeitweise sehr bildgewaltig, insgesamt aber nicht sonderlich überzeugend.

16 Januar 2026

Holmes im Ersten Weltkrieg

Seit vielen Jahren lese ich immer wieder aktuelle Ausgaben des »Sherlock Holmes Magazins«, das im Verlag Elms & Oaks erscheint und sich – wie der Name schon klarmacht – auf den berühmten Detektiv und seine Fälle konzentriert. Dabei beleuchtet die Redaktion um Jens Arne Klingsöhr stets auch allerlei Randbereiche, wie die Ausgabe 66 schön beweist.

Ein Schwerpunkt des Heftes sind Artikel, die sich mit Details aus den klassischen Geschichten beschäftigen. So greift ein großer Artikel die religiösen Aspekte des Holmes-Kanons auf. Das geht teilweise sehr ins Detail und ist mir dann auch zu hoch, weil ich mich mit Sherlock Holmes nicht gut genug auskenne – für echte Fans ist das sicher ein Leckerbissen.

Ich mochte am ehesten die Geschichte »Weihnachtsfrieden« von Sarah Lutter. Sie versetzt Holmes und Watson im Jahr 1914 an die deutsch-englische Front während des Ersten Weltkriegs. Die beiden werden zu Zeugen und Mitwirkenden des sogenannten Weihnachtsfriedens, als die Soldaten beider Seiten für einige Stunden oder teilweise sogar einen Tag nicht aufeinander schossen, sondern sich gegenseitig beschenkten oder Weihnachtslieder miteinander sangen.

Darüber hinaus bietet das Magazin umfangreiche Rezensionen zu aktuellen Hörspielen und Romanen sowie einen schönen Artikel über einen mir unbekannten »Sherlock Holmes«-Film aus dem Jahr 1992. Das alles ist gut geschrieben und wird in einem sehr ordentlichen Layout präsentiert; das Magazin ist 36 Seiten stark und wurde auf recht dickem Papier gedruckt.

Aber klar: Das »Sherlock Holmes Magazin« ist ein Fanzine, was ich hier positiv meine, wenngleich eines, das professionell wirkt Es ist ein Heft für Fans des berühmten Detektivs, und die Ausgabe 66 erweise sich wieder einmal als sehr gelungen. Ich finde: Es ist einen Blick wert!

Verlagsmodelle für die Zukunft

Die Buch- und die Zeitschriftenbranche sind in einem starken Umbruch, und ich bekomme das beruflich durchaus mit. Da ist es für mich spannend, wenn ich sehe, wie sich manche Verlage oder Buchhandlungen neu aufstellen. Über ein schönes Modell hörte ich heute morgen, als ich der aktuellen Folge des »Lesart«-Podcasts lauschte.

In »Ein Modell für die Zukunft? Der mare Verlag wird Genossenschaft« geht es um den mare Verlag, von dessen Bücher ich einige daheim stehen habe. Die Bücher sind toll gemacht, aber sie sind nicht unbedingt massentauglich – kein Wunder, dass ein solcher Verlag um seine Existenz ringen muss.

Der Podcast zeigt auf, wie der Verlag versucht, sich mithilfe eines Genossenschaftsmodells für die Zukunft zu rüsten. Der bisherige Verleger hat den Verlag mit Zeitschriften- und Buchtenreich in die Hände des Teams gelegt, das nun als Genossenschaft gemeinsam in die Zukunft blickt.

Ob das für die gesamte Branche eine Lösung sein kann, muss man sehen. Genossenschaften wurden in jüngster Zeit wieder beliebter; allein in Karlsruhe sind mir einige Beispiele bekannt, die anscheinend ganz funktionieren. Ich empfehle, das nicht einmal elf Minuten lange Podcast-Interview anzuhören.

15 Januar 2026

Die Tage im Audi Camp

Als ich im November 2003 durch Boswana reiste, war klar, dass ich auch die Stadt Maun im Nordwesten des Landes ansteuern würde. Dort begannen die großen Parks, von dort aus konnte man gut ins Okavango-Delta reisen. Ich wohnte einige Tage in einem Zelt, das auf einer Plattform errichtet war – so war ich vor Ungeziefer einigermaßen geschützt, war mein eigener Herr und musste nicht zuviel für die Übernachtung bezahlen.

Das Audi Camp war richtig nett; die Leute, die dort arbeiteten, empfand ich alle als sympathisch. Ich trank abends an der Theke irgendwelche »Shots« und einheimisches Bier; ich aß dort auch, wenn ich nicht durch die kleine Stadt spazierte. Ich lernte Leute kennen, was wie immer nett war, und ich unternahm einiges.

Unter anderem machte ich eine geführte Tour durch das Delta mit: zuerst mit einem winzigen Boot hinein ins Delta, dann zu Fuß weiter, an meiner Seite ein einheimischer Wildhüter. Wir kamen zu Fuß bis an die Wasserstellen heran, Zebras, Affen, Gnus und Büffel waren fast zum Greifen nah.

Ich könnte über die Tage im Audi Camp viel schreiben, vielleicht mache ich das noch. Ich war so damit beschäftigt, durch die Gegend zu laufen, zu staunen und mit den Leuten zu reden, dass ich so gut wie keine Fotos machte. Aber die Bilder habe ich wohl für immer in meinen Gedanken.

14 Januar 2026

Madama Butterfly in Stuttgart

Der wichtigste Grund, warum wir am Freitagabend nach Stuttgart fuhren und uns in die Oper begaben, war eigentlich Architektur. Wir wollten die alte Staatsoper, die mitten in der Stadt steht, noch einmal sehen, bevor sie für längere Zeit zu einer Baustelle wird – das altehrwürdige Gebäude muss dringend renoviert werden, was man im Innern auch an vielen Stellen sieht und sogar riecht ... es ist alles ein wenig staubig und muffig.

Aber wir schauten uns tatsächlich eine Oper an. Auf dem Programm stand »Madama Butterfly«, der große Klassiker von Giacomo Puccini, über deren Inhalt ich mich erst einen Tag zuvor ein bisschen vertraut machte. Dabei ist die Geschichte ziemlich wuchtig und auch zeitgemäß.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts sorgen die Amerikaner dafür, dass Japan sein abgeschottetes Kaiserreich gegenüber dem Handel mit den Vereinigten Staaten öffnet. Ein amerikanischer Kapitän lässt sich auf eine »Ehe auf Zeit« – eigentlich ist das nur eine getarnte Prostitution mit Minderjährigen – ein und heiratet eine 15 Jahre alte Japanerin. Weil er sich ihren Namen nicht merken kann, wird sie nur Madama Butterfly genannt. Er schwängert das Mädchen und reist wieder ab. Als er drei Jahre später wiederkommt, wartet sie immer noch sehnsüchtig auf seine Rückkehr, von ihrem Volk verstoßen und fast mittellos ...

Wenn man will, ist das also eine hochpolitische Geschichte. Auch wenn das vom Ensemble der Oper nicht ausgereizt wurde, kapiert das jeder, denke ich. Ich kann die Musik nicht ernsthaft beurteilen, weil ich von Opern keine Ahnung habe, fand sie auf jeden Fall sehr wuchtig. Gesungen wurde sehr eindrucksvoll. Vor allem die Hauptdarstellerin, eine russische Sängerin, brachte eine enorme Leistung auf der Bühne.

Schauspielerisch fand ich das ebenfalls stark: Es gibt in der Oper eine Szene, wo die Frau, ihre Dienerin und das Kind auf die Ankunft des Kapitäns warten. Sie warten die ganze Nacht hindurch, und das ist eine Szene ohne Worte, nur mit Musik – das kann ich kaum beschreiben, aber es war extrem eindrucksvoll.

Alles in allem beeindruckte mich die Oper: ungewöhnlicher Ort, für mich ungewöhnliche Musik, insgesamt eine spannende Inszenierung.

Hirsch zum dritten

Eine öde ländliche Region im südlichen Australien ist das Revier des Polizisten Paul Hirschhausen. Auch im eisigen Regen geht er Streife, spaziert zwischen den Häusern seiner Heimatgemeinde herum und hört sich die Sorgen und Nöte der Leute an. Oder er fährt mit seinem Auto durch die Gegend, besucht Farmen, die weitab von den Gemeinden liegen, und kommt auf diese Weise auch alltäglichen Problemen auf die Spur.

Das ist die Welt, die der australische Schriftsteller in seinem Roman »Barrier Highway« beschreibt. Dabei handelt es sich um den dritten Teil der Serie um Constable Hirschhausen, und es ist weit mehr als ein Krimi: Disher liefert ein messerscharfes Bild sozialer Gegensätze, sein Roman zeigt gesellschaftliche Lebenswirklichkeiten und ist auf diese Weise mehr Gegenwarts- als Kriminalroman.

Dabei geht alles harmlos los: Hirschhausen holt ein halb verhungertes Kind aus einem Wohnwagen, der am Rand einer Farm steht, und übergibt es der Sozialfürsorge. Während er noch herauszufinden versucht, was hinter diesem Fall von Vernachlässigung steht, gibt es andere »kleine Fälle«: Jemand scheint die Unterwäsche älterer Frauen von ihren Wäscheleinen zu stehlen. Ein Musik-Festival, das groß angekündigt worden ist, steht auf der Kippe.

Auf einmal haben viele Leute finanzielle Probleme – und so führt ein Konflikt zum anderen. Bis ein Haus brennt und eine alte Frau tot in ihrem Garten liegt …

Ich mag es, wenn Romane nicht nur an der Oberfläche kratzen. Disher zeigt seinen Constable als einen anständigen Mann, der versucht, in einer ländlichen Umgebung nicht nur ein sturer Bulle zu sein, sondern sich menschlich zu verhalten. Die vielen Figuren des Romans, bei denen man schon ein bisschen aufpassen muss, um die Namen alle im Kopf zu behalten, sind durch die Bank glaubhaft; das Porträt einer gesellschaftlichen Schicht gelingt dem Autor in hervorragender Weise.

Der Roman hat mich von der ersten Seite, die so beschaulich losgeht, bis hin zum knalligen Showdown gepackt – ein grandioses Stück Literatur!

13 Januar 2026

Eine Legende als moderner Comic

Zu den großen popkulturellen Figuren des zwanzigsten Jahrhunderts gehört die Figur des Zorro: ein Kämpfer für die Unterdrückten und gegen die Bösen dieser Welt. Über Zorro wurden Romane geschrieben und Lieder gedichtet, Filme gedreht und Comics gezeichnet. Ich bin sicher, dass man mit Zorro-Variationen ganze Bibliotheken füllen könnte.

Und natürlich gibt es auch eine moderne Comic-Version der Legende. Diese stammt von Sean Murphy, der mir unter anderem durch seinen coolen Phantastik-Comic »Plot Holes« bekannt geworden ist. Nachdem er schon für »Batman« gearbeitet hatte, bot es sich für ihn wohl an, eine weitere Figur der Populärkultur zu modernisieren. Sein »Zorro – die Legende lebt« kann sich wirklich sehen lassen.

Murphy setzt seine Geschichte im »Hier und Jetzt« an: Schauplatz ist eine mexikanische Stadt, die im Griff der Drogenkartelle steckt. Ohne ihre Erlaubnis ist kaum etwas zu machen; bezahlte Schläger und Mörder tyrannisieren die Bevölkerung. Doch dann beschließt ein junger Mann, dass er dagegen etwas tun muss: Er zieht die »Zorro«-Verkleidung an, die eigentlich einem Schauspieler gehörte, und beginnt in dieser Kleidung seinen Kampf gegen das Kartell.

Ein junger Mann wird also zum Rächer und zum Nachfolger der Legende, er wird gewissermaßen zum neuen Zorro. Ihm zur Seite steht eine junge Frau, die sich auf Waffen und Autos versteht und das Kartell ebenfalls hasst. Doch während sie einen kühlen Kopf bewahrt, beginnt der junge Mann immer stärker damit, sich für den echten Zorro zu halten. Phantasie und Realität scheinen sich in seinem Kopf zu vermischen …

Sean Murphys Interpretation der klassischen Geschichte ist rasant, sowohl von der Erzählweise als auch von den Bildern her. Die Szenen folgen temporeich aufeinander; die Bösen sind richtig böse und gemein, während die Guten durchaus ihre Schattenseiten haben. Natürlich darf im Reigen der Figuren ein hilfreicher Gottesmann nicht fehlen, während auf eine große Liebesgeschichte verzichtet wird. Murphy setzt auf den Zorro-Mythos und viel Action, und das macht er gut.

Mir gefiel an diesem Comic, wie geschickt der Comic-Künstler die klassischen Vorbilder nimmt und sie neu in Szene setzt. Das hatte bereits in den amerikanischen Comic-Heften funktioniert, und das überzeugt ebenso im deutschen Hardcover-Großformat. Ich empfehle einen Blick in die Leseprobe – dort kann man sich von der rasanten Action überzeugen.

»Zorro – die Legende lebt« ist als schöner Comic-Band erschienen und umfasst 128 Seiten. Mithilfe der ISBN 978-3-68950-051-1 kann man das Buch überall im Buch- und Comicfachhandel bestellen; es kostet 25,00 Euro. 

(Die Rezension erschien ursprünglich auf der Internet-Seite der PERRY RHODAN-Serie und wird hier aus dokumentarischn Gründen wiederholt.) 

12 Januar 2026

Musikalisch gelungener Szene-Blick

Ich habe vom Lunsentrio bislang nicht viel gehört, habe aber den aktuellen Song »(Es ist) Grau überm Heinrichplatz« in den vergangenen Tagen andauernd im Ohr. Wer mag, kann das Lied als Hymne auf Berlin sehen, vor allem auf das Berlin, das ich in den 80er-Jahren kennengelernt habe – Kreuzberg und Umgebung also.

Besungen werden die Kneipen und Szenen rings um den Heinrichplatz; das Lied erzählt von Menschen und ihrem Alltag, von ihrem Leben, von Demonstrationen, bei denen es um besetzte Häuser geht. Das Ganze wirkt augenzwinkernd, aber irgendwie auch respektvoll.

Und musikalisch? Gitarrenpop der schrammeligen Art, absichtlich einfach instrumentiert, aber mit einer schönen Melodie ausgestattet – manchmal erinnert mich die Band an Quetschenpaua, der in den 90er-Jahren ebenfalls eine fast schon poppige Art hatte, auf Berlin zu blicken.

Sympathisches Stück – von der Band will ich mehr hören!

Wenn ein Pinguin in ein Leben tritt

Ich gestehe, dass ich von dem Film »Der Pinguin meines Lebens« bis vor Kurzem nichts wusste. Er kam 2024 in den USA heraus, wurde bei uns 2025 wohl auch im Kino gezeigt, aber ich bekam es nicht mit. Dabei hätte mich die Geschichte schon gereizt. Deshalb war ich froh, ihn unlängst in einem Streamingkanal anschauen zu können. Der Film ist gelungen, auch und gerade wegen der Verbindung aus skurriler Handlung und politischem Hintergrund.

Mit dem Schauspieler Steve Coogan steht ein guter Darsteller zur Verfügung, dem man den Lehrer mit all seinen Problemen abnimmt. 1976 beginnt der Lehrer seine Arbeit in Argentinien, er soll englische Literatur lehren. Er sieht sich selbst als unpolitisch und bekommt den Militärputsch in seiner neuen Heimat nur am Rand mit. Doch ein Pinguin, der ihn als neuen Freund ansieht und ihm nicht von der Seite weicht, verändert den Lehrer und sein Leben.

Das klingt erst mal einigermaßen blöd, basiert aber auf einer wahren Geschichte, die zu einem Buch verarbeitet worden ist. Und erzählt wird es auf eine sympathische und sehr unterhaltsame Art und Weise, ohne erhobenen Zeigefinger, ohne überzogene Liebesgeschichten und ohne ein Heldenepos zu werden. Die Hauptfigur ist selbst kein Held, sondern eigentlich ein bequemer Mensch, der vom Schicksal gebeutelt worden ist und eigentlich nur noch seine Ruhe haben möchte.

Steve Coogan spielt das glaubhaft; die Regie des Films setzt ihn unaufgeregt in Szene. Die politischen Geschehnisse bleiben dabei immer im Hintergrund, was man durchaus kritisieren kann. Aber das passt zur Figur und ihrem Verhalten – ein schöner Film, der nebenbei auch die Literatur ins Zentrum setzt und viel Drama bietet. Lohnt sich durchaus!

08 Januar 2026

Amarone zum Start

Das muss ich noch nachtragen: Der Start ins Jahr 2026 verlief für mich sehr ruhig und entspannt. Es gab keine Knallerei und keine Alkoholexzesse – das sieht alles nach Belegen dafür aus, dass ich echt alt geworden bin.

Aber zum Start ins neue Jahr bot es sich an, im Keller einen Rotwein aus dem Regal zu fischen, den ich 2008 gekauft hatte, damals »vor Ort«, also direkt im Weinkeller im Valpolicella-Gebiet. Von den damals gekauften Kartons ist nicht mehr so viel übrig – aber diese Flasche war einfach gut für den Start geeignet.

Ein Wein, der aus dem Jahr 2006 stammt, ist 2026 durchaus riskant. Aber ich war sehr beruhigt: Er schmeckte immer noch gut, fast schon wuchtig. Hoffen wir, dass »wuchtig« nicht das zentrale Wort für 2026 sein wird!

07 Januar 2026

Ein Mosaik zur kommenden Zukunft

Die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts: Der Klimawandel nimmt einen immer stärkeren Einfluss auf das Leben der Menschen. Eine Katastrophe jagt die andere, dazu kommen Krankheiten und Not. Doch es gibt Menschen, die trotz allem versuchen, sich ihre Menschlichkeit zu bewahren und eine neue Zukunft aufzubauen …

Das ist, wenn man es genau nimmt, der Inhalt des wunderbaren Science-Fiction-Buches »Arborealität« der kanadischen Autorin Rebecca Campbell. Es ist kein Roman; streng genommen handelt es sich um sechs Erzählungen, die jede für sich allein stehen kann. Es gibt aber Figuren und Schauplätze, die immer wieder auftauchen oder erwähnt werden. Und so entsteht das Porträt einer Welt, die sich verändert, eine Geschichte bis zum Anfang des 22. Jahrhunderts, ein faszinierendes Mosaik aus Figuren und Ideen.

Die Autorin versucht nicht, die gesamte Welt darzustellen. Sie konzentriert sich auf Vancouver Island in British Columbia, an der Pazifikküste Kanadas gelegen. Dabei gelingen ihr stimmungsvolle Porträts und ein mitreißendes Panorama einer neuen Zeit. Man erfährt wenig darüber, was auf anderen Kontinenten passiert, nicht einmal die Vereinigten Staaten scheinen mehr ein Thema zu sein. Die menschlichen Gemeinschaften schrumpfen, sie verlieren den Kontakt zu den großen Nationen, und sie versuchen eben, sich selbst am Leben zu erhalten.

Was mir bei der Lektüre des Buches, das in einem sehr angenehmen Stil geschrieben und entsprechend übersetzt worden ist, besonders gefallen hat: Es werden keine kriegerischen Auseinandersetzungen geschildert, keine erbarmungslosen Kämpfe um die letzten Ressourcen – die Menschen, die in den sechs Geschichten porträtiert werden, setzen sich friedlich und mit viel Energie für ihre Gesellschaft und für eine positive Zukunft ein.

Die Autorin findet dafür schöne Bilder, die nachwirken. Beispielsweise erzählt sie eine Geschichte vom Bau einer Kathedrale; diese wird aber nicht aus Steinen errichtet, sondern aus Bäumen, die über viele Jahrzehnte hinweg wachsen und deren Äste entsprechend verflochten werden. Eine andere Geschichte zeigt einen Geigenbauer, der ein neues Instrument schaffen will, die speziell für eine begabte Musikerin gedacht ist. Dabei wirft die Geschichte auch einen Blick in die Vergangenheit, und ganz nebenbei bekommt man bei der Lektüre viel Wissenswertes über Geigen vermittelt …

»Arborealität« ist ein gelungenes Werk; die sechs Erzählungen haben mir allesamt gefallen. Von Rebecca Campbell, die schon mehrere Preise gewonnen hat, würde ich gern mehr lesen. Die Autorin wirft einen spannenden Blick auf die nahe Zukunft, der nicht von Pessimismus geprägt ist, auch wenn sie die Klimakrise und ihre Folgen klar benennt. Sehr empfehlenswert!

Erschienen ist »Arborealität« als kleinformatiger Hardcover-Band im Carcosa-Verlag. Die Ausgabe ist keine 200 Seiten dick, kostet 18,00 Euro und kann mithilfe der ISBN 978–3‑910914-30‑8 überall im Buchhandel bestellt werden. Das E-Book gibt’s für 12,99 Euro. Beide Versionen gibt es auch bei Versandhändlern wie dem PERRY RHODAN-OnlineShop.

(Die Rezensiono erschienk im Oktober auf der Internet-Seite der PERRY RHODAN-Redaktion. Ich kopiere sie hier zur Dokumentation ein.) 

05 Januar 2026

Erfolgreichste Fantasy im Jahr 2025

Zum Jahreswechsel veröffentlicht das »Börsenblatt« seine »Jahrescharts«; damit sind aktuelle Verkaufslisten gemeint. Ich schaue mir besonders gern das an, was als »Fantasy & Science-Fiction« vermarktet wird. Um es vorsichtig anzudeuten: Auf den 25 Plätzen dieser Liste war nur ein einziger Roman, den ich kannte – es ist die Neuauflage von »1984«, dem großen Klassiker von George Orwell. Den größten Teil der Liste nehmen Romane ein, die eher der Romantasy zuzurechnen sind.

Auf Platz eins hievte sich »Alchemised« von SenLinYu. Der Roman war im Herbst 2025 mit einem riesigen Werbeaufwand in den Handel gebracht wurden; hier hatte sich der Verlag sehr engagiert. Veröffentlicht wurde der Roman bei Forever, einem Imprint des Ullstein-Verlags.

Man hatte laut Verlagsangaben 200.000 Exemplare gedruckt, was ich schon sehr imposant finde, und landete gleich auf Platz eins der Bestsellerliste. Der Erfolg gab dem Verlag recht, denn es musste bald nachgedruckt werden, und zum Jahresende hatte man bereits 235.000 Exemplare verkauft. Kein Wunder, dass der Titel nun die »Verkaufscharts« im phantastischen Bereich anführt.

Schlau fand ich, dass der Verlag auch gleich eine englischsprachige Ausgabe veröffentlichte, die im deutschsprachigen Raum ausgeliefert wurde. Glaubt man den Verlagsangaben, die ich nicht anzweifeln möchte, hat man »alles in allem« – also deutsch- und englischsprachige Print-Ausgaben sowie E-Books – rund 300.000 Exemplare von »Alchemised« verkauft.

Vielleicht muss ich doch in das Buch reinschauen. Nicht, weil es mich privat sonderlich interessiert – aber wer sich als Redakteur mit der phantastischen Literatur beschäftigt, muss gelegentlich mal außerhalb seiner Komfortzone gucken, was die Leute so mögen …

02 Januar 2026

Sehnsucht nach Ruhe

Ich habe es wieder einmal geschafft: Seit ich am 19. Dezember meinen Computer ausschaltete, brachte ich es fertig, ihn auch die ganze Zeit auszulassen. Ich verzichtete in dieser Zeit zudem auf Nachrichten im Radio oder im Fernsehen und reduzierte die Zeitungslektüre auf homöopathische Dosen. Und so bekam ich nur wenig von dem mit, was die Welt umwälzte – wieder einmal.

Es tat gut, zum wiederholten Mal. Ob man das nun Digital Detox oder Internet-Faulheit nennt, weiß ich nicht und ist mir auch egal. Allein die Tatsache, dass ich es hinbekam, fast zwei Wochen auf soziale Netzwerke und dergleichen zu verzichten, war schon sehr angenehm. Ich musste den Zwang, auf irgendwelche Dinge zu reagieren, die ich im Netz las, nicht einmal unterdrücken – weil ich von allen möglichen Sozialen Netzwerken nichts las, sah und hörte.

Eigentlich mag ich das Internet, und ich mag vor allem das Chaotische daran. Unzählige Dinge, die mich interessieren, zahlreiche Menschen, deren Gedanken ich spannend finde, so viele Themen, um die ich mich gern kümmern würde. Aber es stresst halt gelegentlich ... Und so genieße ich es eben, zwei Wochen lang lieber das eine oder andere dicke Buch zu lesen oder in aller Ruhe irgendwelche Filme anzuschauen.

Die fast zwei Wochen sind vorüber, das neue Jahr hat angefangen. Heute morgen hörte ich zum ersten Mal seit 13 Tagen wieder die Nachrichten. Wie immer: Krieg in der Ukraine, Hetze gegen Flüchtlinge im eigenen Land – es war so, als ob die zwei Wochen auf fünf Minuten zusammenschrumpften.

Vielleicht sollte ich mich gleich wieder für die nächsten zwei Wochen vom Internet und von den Nachrichten verabschieden …

19 Dezember 2025

Als der Zeitgeist positiv war

»Wir schaffen das«, sagte der eine Mann. »Das haben sie uns 2015 auch gesagt.« – »Ach, hör bloß auf damit!«, gab der andere Mann zurück. Ich stand direkt daneben und war kurz davor, mich in das Gespräch einzumischen, ließ es aber sein.

2015 haben wir es tatsächlich geschafft. Deutschland schaffte es in diesem Jahr, endlich einmal eine menschliche Seite zu zeigen. Gut eine Million flüchtender Menschen wurde aufgenommen. Die meisten von ihnen kamen rasch in menschenwürdige Unterkünfte, viele von ihnen fanden Arbeit, viele wurden längst deutsche Staatsbürger und tragen zum Gemeinwesen bei.

2015 hatte ich einen kurzen Anflug von Nationalstolz, nur sehr kurz, aber immerhin. Zu diesem Land wollte ich gern gehören: ein Land, das Flüchtlinge aufnahm, ein Land, in dem sich Hunderttausende von Menschen aller politischen Richtungen engagierten, ein Land, in dem man anpackte, um anderen Leuten zu helfen. Das fand ich sympathisch. Der Zeitgeist war endlich einmal positiv und nicht der widerwärtige Griesgram, als den er sich heute präsentiert.

Was danach kam, ist bekannt. Heute tun die Faschisten von der AfD, die Putinisten vom BSW und die Erzreaktionäre bei den sogenannten Parteien der Mitte tatsächlich so, als seien Menschen mit nichtweißer Hautfarbe das zentrale Problem unseres Landes. Als ob man nur genügend von ihnen abschieben müsste, um das Land wieder an irgendeine Spitze zu führen. Als ob man nur der Welt seine hässliche Fratze präsentieren müsste, um im Konzert der Mächtigen mitspielen zu können.

Der Sommer 2015 war positiv. Zehn Jahre später gerät das ein wenig in Vergessenheit, schon klar. Aber diesen Zeitgeist von damals – den wünsche ich mir oft zurück.

18 Dezember 2025

Gedanken an John Varley

Es ist lange her, seit ich zum letzten Mal eine Geschichte von John Varley gelesen habe. Dabei konnte mich der Autor zu Beginn der 80er-Jahre mit seinen Science-Fiction-Kurzgeschichten ziemlich begeistern. Sie wurden im Goldmann-Verlag in Taschenbuchsammlungen veröffentlicht, die Titel wie »Voraussichten« oder »Mehr Voraussichten« trugen; meiner Erinnerung nach waren all diese Geschichten großartig.

Dieser Tage las ich dann, dass John Varley am 10. Dezember 2025 gestorben war. Es war sicher das erste Mal seit vielen Jahren, dass mir sein Name bewusst wurde – ich hatte den Autor glatt vergessen.

Das finde ich verblüffend und traurig zugleich: Man findet als Leser einen Autor oder eine Autorin gut, dann vergisst man ihn oder sie aber doch irgendwann. Isaac Asimov, Robert A. Heinlein, K. H. Scheer oder William Voltz vergaß ich nie, die waren präsent – aber Varley war mir entfallen.

Vielleicht liegt’s in seinem Fall daran, dass seine erfolgreichen Texte in den 70er- und 80er-Jahre veröffentlicht wurden; seither wurden sie praktisch nie wieder im deutschsprachigen Handel angeboten. Da kann man jemanden doch vergessen, scheint mir. (Vielleicht erinnert sich jetzt ein Verlag an John Varley und bringt seine Text in einer schönen Auflage neu heraus.)

17 Dezember 2025

Schluss für Halle 1.2

Zwei Jahre lang bot die Frankfurter Buchmesse eine spezielle Fläche für Fantasy, Romantasy und New Adult. Damit ist 2026 Schluss. Für 2026 hat die Messe eine komplett neue und andere Planung, es wird sich viel ändern. Nachzulesen ist das in einem Interview im aktuellen »Börsenblatt«.

Nicht alle waren mit der Halle 1.2 einverstanden. Es gab Verlage, die fanden es gut, in einer eigenen Halle zu sein, die von Phantastik und Romantik dominiert wurde, in allen möglichen Spielarten. Andere fanden es schlecht; sie fühlten sich wie abgeschoben und an den Rand gedrängt.

Dabei war das nötig geworden, nachdem im Jahr 2023 die Autogrammschlangen bei manchen BookTok-Autorinnen so lang waren, dass die Hallen lahmgelegt wurden. Deshalb wurden Romantasy und die anderen »Randgebiete« ausgelagert. In den Jahren 2024 und 2025 war die Halle 1.2 der Treffpunkt für zahlreiche Leserinnen und Leser – mehrheitlich junge Frauen –, die sich an den Ständen ihrer Lieblingsautorinnen und -verlage versammelten.

Und 2026? Alles wird in das neue Gesamtkonzept integriert. Die Romantasy und der Bereich New Adult finden sich künftig in den Hallen 3.0, 4.0, 5.0 und 6.0 wieder, also auf der ganzen Messe verteilt.

Schauen wir mal, wie das ankommt – es kann ein neues und positives Erlebnis für viele Besucherinnen werden oder viel Gerenne zwischen den einzelnen Hallen ...

16 Dezember 2025

Hirnkost geht in die Insolvenz

Den Rundbrief, den Klaus Farin seit einiger Zeit an die Freundinnen und Freunde des Hirnkost-Verlags versendet, trägt den Titel »Farins Hirnkost«. Dem Schreiben von heute entnehme ich die traurige Tatsache, dass der Verlag insolvent ist. Bei einer Gesellschafterversammlung wurde gestern beschlossen, »zum Jahresende für Hirnkost die Insolvenz zu beantragen«.

Hirnkost ist ein Verlag, dem ich in mehrfacher Hinsicht verbunden bin. Klaus Farin kenne ich seit den 80er-Jahren; das Programm des Verlags bildet mit Science Fiction und allerlei Subkulturen meine privaten Interessen ab. Es gab immer wieder Bücher, die ich richtig toll fand, leider auch Bücher, die mir nicht gefielen – aber das ist normal.

Wenn Klaus Farin nun schreibt, er habe versagt, ist das nicht richtig. Er hat einen Verlag für engagierte Literatur aus dem Boden gestampft, er hat für die Bücher gekämpft, er hat sich vernetzt und unterm Strich ein spannendes Buchprogramm herausgegeben. Man kann nicht sagen, dass Klaus Farin oder der Hirnkost-Verlag versagt hätten – es gab schlicht nicht genügend Kunden. Warum das so war und ist, möchte ich an dieser Stelle nicht analysieren; dazu kann man ja unterschiedliche Meinungen haben.

Im Moment bin ich einfach ziemlich traurig. Das sind keine guten Nachrichten so kurz vor Weihnachten. 

15 Dezember 2025

Ein Lachen zur Begrüßung

An diesem Morgen hatte ich mich warm angezogen, als ich mit dem Rad in die Stadt gefahren war: Mantel, Mütze und Handschuhe, dazu dicke Socken in den Schuhen. Ich stellte mein Fahrrad vor der Apotheke ab, wo ich ein Medikament bestellt hatte, das ich einigermaßen dringend brauchte, und ging hinein.

Während ich die Mütze abnahm und zu den Handschuhen in die Jackentasche stopfte – die hatte ich vorher schon ausgezogen –, hörte ich das Gelächter. Ich brauchte einige Zeit, sicher eine Sekunde lang, bis ich kapierte, dass sich niemand über mich lustig machte, sondern dass hinter dem Schalter zwei Angestellte der Apotheke standen und schallend lachten. Ein weiterer Angestellter kam hinzu und lachte ebenfalls.

Ich trat näher, sicher mit einem Gesichtsausdruck völliger Ratlosigkeit. »Der Kunde, der eben rausging, hat mir eben ein schönes Wochenende gewünscht«, sagte die blonde Frau hinter dem Tresen, als ob ich sie gefragt hätte. »Ich habe vor zwei Minuten mit der Arbeit angefangen, und dann so was.«

»Nehmen Sie’s als ein gutes Zeichen«, riet ich trocken.

»Ja, das ist gut.« Sie wischte sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln. »Am besten wäre es ja, ich ginge gleich wieder ins Wochenende. Bei der Kälte und dem grauen Tag, da will man doch nicht arbeiten.«

»Auch da kann ich Sie verstehen.« Ich grinste.

Sie schaltete um. »Sie wollen ein Rezept einlösen?«, fragte sie professionell und seriös.

Ich nickte. Innerlich lächelte ich. Was für ein netter Start in die neue Woche: Man beginnt mit einem fröhlichen und lauten Lachen.

12 Dezember 2025

Gendersternchen und Soziopathen

Unser Land steckt in einer Wirtschaftskrise, die verschiedene Ursachen hat, die ich hier nicht weiter ausbreiten will. In unserer europäischen Nachbarschaft tobt ein fürchterlicher Krieg. Die USA verabschieden sich aus dem demokratischen Kontext und entwickeln sich zu einem Führerstaat. Die Klimakatastrophe kommt weiterhin auf uns zu, wenngleich das derzeit kein großes Thema zu sein scheint.

Das aber sind alles Themen, die nicht so wichtig erscheinen. Worüber sich »die Leute« aufregen – zumindest in meiner Wahrnehmung –, sind »Ausländer« und Gendersternchen. Bei den Sternchen bin ich immer wieder verwundert über den Sturm der Entrüstung, der über einen hereinbricht, wenn man sie mal verwendet.

Manche Leser – männliche Form ist hier beabsichtigt; es sind ja nur Männer, die sich aufregen – scheinen zu glauben, das Abendland ginge unter, wenn man von »Leser*innen« schreibt. Andere belehren ausgiebig über die Rechtschreibung und verweisen auf angebliche Umfragen. Und einer schrieb gestern sogar, dass Leute, die Gendersternchen benutzen, allesamt »Soziopathen« seien.

Was stimmt nicht mit diesen Leuten? Haben die keine anderen Probleme? Haben die keine Dinge im Leben, über die sie sich freuen können? Woher kommt dieser Hass, woher diese Wut, andere Leute unbedingt belehren und bekehren zu müssen?

Ich benutze Gendersternchen normalerweise auch nicht; die Gründe sind vielfältig und füllen die Programme schlechter deutscher Komödianten. Ich will das übrigens nicht diskutieren; das kann jeder Mensch ja machen, wie er es möchte.

Aber diese Ausraster, wenn irgendwo ein Gendersternchen zu sehen ist, finde ich mittlerweile nur noch peinlich. Suche sich jeder einen Baum, an dem er sich ausheulen kann (männliche Form beabsichtigt!) …

11 Dezember 2025

Bereits der Teil 58

Es sind schon weder fast zehn Jahre, dass mein Fortsetzungsroman »Der gute Geist des Rock’n’Roll« im OX-Fanzine zu lesen ist. In der aktuellen Ausgabe 183 des Magazins, das alle zwei Monate erscheint, ist mein Roman mit der Folge 58 erschienen – ich bin selbst verblüfft, wie viele Seiten da im Verlauf der Zeit zusammengekommen sind.

Der Roman spielt im Sommer 1996. Als ich mit der Arbeit daran anfing, war das also gut zwanzig Jahre her. Mittlerweile sind es fast dreißig Jahre, und ich merke, dass ich mit den Erinnerungen ins Trudeln geraten. Klar weiß ich noch, welche Musik ich damals hörte und zu welchen Konzerten wir gefahren sind.

Aber wie war das damals wirklich mit den Computern? Hatte ich schon einen Internet-Anschluss? Welche technischen Möglichkeiten, die heute selbstverständlich sind, waren damals reine Science Fiction? Tatsächlich stellen sich solche Fragen beim Schreiben eines fast schon historisch anmutenden Textes immer wieder aufs Neue.

Die Folge 58 kommt gut ohne technische Details aus. Meine Hauptfigur plagt sich mit dem Älterwerden herum – das machte mir 1996 tatsächlich mehr zu schaffen als heute, scheint mir … – und ärgert sich über politische Aktivisten auf der »linken Seite«, die er in Gedanken als »Automaten« beschimpft. Eine damals häufige Äußerung in den Kreisen von Leuten, die laute Musik hörten und in besetzten Häusern ihre Zeit verbrachten, aber nicht so begeistert von ausufernden Plenumssitzungen waren …

Aber das ist dann eine andere Geschichte!

10 Dezember 2025

Zwölf peruanisch-bayerische Texte

Die Autorin Ofelia Huamanchumo de la Cuba stammt eigentlich aus Peru, wohnt aber seit gut einem Vierteljahrhundert in München; ihre Texte sind in deutsch- und spanischsprachigen Anthologien erschienen. Mit »Nachtschichten« liegt im Maro-Verlag nun ein Buch vor, das ein Dutzend ihrer Kurzgeschichten in ausgesprochen schöner Gestaltung präsentiert.

Die Geschichten sind angenehm kurz, man kann sie gut zwischendurch lesen. Sie spielen in Peru, aber auch in München oder Frankfurt, sie haben ganz selten einen leicht phantastischen Anflug und überzeugen zumeist. Nicht alle gefielen mir bei der Lektüre – aber das ist letztlich Geschmackssache.

Schön sind Texte, die das Thema der Fremdartigkeit behandeln. Die Autorin, eine gebürtige Peruanerin, hat beispielsweise ein anderes Verhältnis zu Meerschweinchen als ein Kind aus Deutschland, das die Tiere nur als Kuscheltiere begreift und sie nicht als Nahrungsmittel betrachtet. In anderen Texten geht es um das Benutzen von Tarot-Karten oder um den extremen Gestank, der sich in einer südamerikanischen Großstadt ausbreitet, ohne dass die Anwohner die Ursache gleich herausfinden können.

Künstler und eine spezielle Farbe, die sie benutzen, treten in dieser Storysammlung ebenso auf wie Frauen, die nachts allein durch die Straßen gehen und sich unwohl fühlen. Die Lektüre ist abwechslungsreich, die künstlerische Gestaltung zumindest interessant.

»Nachtschichten« ist durchaus lesenswert. Ob man für 120 Taschenbuchseiten in extrem großzügigem Layout und mit vielen Bildern dann allerdings zwanzig Euro ausgeben möchte, muss sich jede*r selbst überlegen. Ich habe den Kauf nicht bereut.

09 Dezember 2025

Carcosa zum sechsten

Auch wenn ich die Science Fiction zu meinem Beruf gemacht habe, bin ich doch nach wie vor ein Fan dieser Literaturgattung und mag es, Romane und Kurzgeschichten aus diesem Genre zu lesen. Deshalb freut es mich auch, dass der Carcosa-Verlag ein Programm anbietet, das mich immer wieder positiv überrascht.

Kaufen und lesen kann ich nicht alles, was der Verlag veröffentlicht; das schaffe ich zeitlich nicht. Aber das sechste Carcosa-Programm, das im Frühjahr 2026 angeboten wird, enthält erneut einige Bücher, die ich unbedingt haben muss.

Großartig finde ich, dass ein Autor wie Kim Stanley Robinson mit neuen Romanen bei Carcosa präsentiert wird. Kurzgeschichten von Aiki Mira und Fantasy von Nicola Griffith – von ihr kenne ich bislang nichts – stehen ebenfalls auf dem »muss ich haben«-Zettel. Und wenn's im Frühsommer 2026 einen neuen Phantastischen Almanach gibt, freut mich das ebenfalls.

Verlage wie Carcosa füllen die Lücke, die von den großen Verlagen hinterlassen worden ist. Hier erscheinen nicht nur wertige Klassiker-Ausgaben, sondern hier gibt's zudem neue Phantastik mit Niveau. Das finde ich großartig!